SELBSTMORD UND ANDERE ALBERNHEITEN

Warum es so kompliziert ist, zu sterben, und wie man sich als Toter die Zeit vertreibt

 

Prolog

Es ist ganz egal, ob ich jetzt noch schreibe. Daß es egal ist, reicht als Motivation freilich aus, aber die Tatsache, daß ich glaube, eine Motivation zu brauchen, reicht wiederum aus, das Schreiben zu vergessen, wer bin ich denn? Der Tod ist ein einsames Geschäft. Jeder Tote wird Ihnen das bestätigen. Der Tod ist langweilig, und der Weg dorthin ist unendlich mühsam. Es sei denn, natürlich, der oder die Tote hat schon den dunklen Tunnel durchschritten und ins Licht geblickt. Wir wissen davon durch Talkshows. Die Verstorbenen durchschreiten einen dunklen Tunnel und erblicken an dessen Ende ein Licht, und das ist nicht der Schnellzug 11.43, sondern das Jenseits, das leuchtet: vielleicht ein göttliches Wesen, vielleicht auch die bereits dahingeschiedenen Freunde und Verwandten, die den Neuankömmling willkommen heißen, um ihm/ihr mitzuteilen, daß das alles ja wohl doch nicht so einfach wäre und ihn marschmarsch zurückzuschicken, denn seine/ihre Zeit wäre noch nicht gekommen. Und der/die Komatöse schlägt im Hospital die Augen auf, geht leuchtenden Auges durch den Rest seines/ihres Lebens und entwickelt eine alberne Affinität zu Tunneln.

Dem Menschen ist der Tod nicht glaubhaft. Es gibt Nichts, aber das Nichts ist digital und dem menschlichen Geist, der analog funktioniert, nicht faßbar: selbst in der Stille der Leere hört er noch das Grundrauschen seiner Seele. Im Periskop unserer Seele sehen wir das Licht einer Welt, die längst erloschen ist; auf unseren Gräbern vollführen wir Tänze, als würde das unsere Lebendigkeit beweisen. Im mare informationae, jeder sein eigener Mondkrater, im Meer der Informationen treibend, können wir poröse Seelen nicht erfüllt werden: je mehr Reize in uns geraten, desto mehr sickern durch, und erst wenn der Außenspiegel höher liegt als der innere, fühlt man sich erfüllt und der Spiegel läuft an: man sieht nichts mehr und geht unter. (Ein Motiv klingt an.) Der Gedanke, nicht mehr zu existieren, steht einfach außerhalb unserer Reichweite: na schön, eines Tages werden wir tot sein, aber das erleben wir ja ohnedies nicht mehr. In der 1938er Filmversion von Dickens' A Christmas Carol führt der Geist der kommenden Weihnacht Scrooge auf einen Friedhof und zeigt ihm seinen eigenen Grabstein. Das erweicht endlich seinen Charakter, und er fällt um Gnade flehend auf die Knie: "Don't let it end like this." Natürlich fällt es dem Geist nicht ein, ihn darüber aufzuklären, daß es auf jeden Fall so endet. Wir tun einfach so, als wären wir unsterblich, und die Religionen tun ihr Bestes, uns in dieser Eitelkeit zu bestärken; nur die Wiener Verkehrsbetriebe nennen die Dinge beim Namen, indem sie jemanden, der sich vor eine U-Bahn geworfen hat, als "vorangegangene Verkehrsbehinderung" bezeichnen. Tausende kommen zu spät zur Arbeit.

Es wird also Zeit, den Tod zu demythisieren (und das Leben auch gleich, geht ja in einem Aufwaschen). Der Tod, soweit er ins Leben hineinragt, ist eine Albernheit, deren Attribute wie Schmerz und Trauer Teil einer gesellschaftlichen Verschwörung ungeheuren Ausmaßes darstellen, um uns von unserer eigenen Wichtigkeit zu überzeugen. Auf der Landstraße aber, im Hochsommer zwischen zwei Dörfern, steht mit seiner Sense der Tod und starrt auf die Felder. Sonderbar, denkt der Tod. Es ist sonderbar. Es ist auch lächerlich. Ich brauche ein Telefonbuch, ich kann nicht ewig hier stehen.

Wir werden also sterben. Ja und? Was legitimiert mich nun, über dieses letzte, unerfreuliche Thema zu faseln? Ist es leichtfertige literarische Langeweile? Oder vielleicht intellektueller post-postmoderner Größenwahn? Nein, viel schlimmer noch: eigenes doofes Erleben. Lehnen Sie sich zurück und lauschen Sie auf das Klirren der Eiswürfel im Ginbecher, während die Geschichte widerwillig abrollt.

  

Was bisher geschah

Der 5. Oktober '97. Wunderschöner Spätsommersonntag. Ich packte mein Fahrrd, nahm den Zug nach H., plauderte via Handy zwei Stunden mit einer suizidalen Australierin, die ich über das Internet kennengelernt hatte, begab mich abends auf die Donaubrücke, fuhr, via Walkman Ö 3 hörend (besser als die Messe in Ö 1), auf und ab, bis endlich kein Auto in Sichtweite war, und sprang dann, ans Rad gekettet, eine erkleckliche Anzahl an Gewichten am Buckel, in die Tiefe.

Warum? Warum bin ich gesprungen? Die Leser wollen doch ein Motiv hören. Die armen Leser. Es geht sie gar nichts an. Wenn es ihnen Freude macht, können sie ja so tun, als hätte ich ein sogenanntes legitimes Motiv in Gestalt einer Geschlechtskrankheit gehabt; andere können sich damit trösten, mich für verrückt zu halten. Vielleicht bin ich ja verrückt. Hurra, endlich ein Stück Identität! Ich bin von einer Brücke gesprungen, weil ich sterben wollte. So einfach ist das.

Der Sprung war außerdem enttäuschend. Im Traum fällt man tiefer, und das ganze Leben zieht in Zeitlupe am inneren Auge vorbei. Vielleicht habe ich kein inneres Auge, vielleicht war ich auch nur zu froh, die Sache endlich in Gang gebracht zu haben. Kurzum: ich fiel einfach, und das war gut so. Auch der Aufschlag tat erstaunlich wenig weh, obschon ich mich später, bedeckt von gigantischen blauen Flecken (vor allem dem Fahrrad zu danken), eine Woche lang kaum rühren konnte. Ich ging unter.

Das Ertrinken selbst kann im übrigen nicht empfohlen werden. Es ist unerfreulich, beunruhigend und demütigend. Aber ich ertrank ja gar nicht, denn der Aufprall der gebündelten Materie – ich und Fahrrad und Gewichte – zersprengte die Ketten, die sie zusammenhielt. Toll. Lachhaft. Damit konnte ich, behaupte ich, nicht rechnen. Ich hätte mich totärgern sollen. Also tauchte ich wieder auf und geriet mit einem imaginären Plop an die Wasseroberfläche. Die Panik, ein interessanter atavistischer Mechanismus, nahm ihren automatischen Lauf. Ich spaltete mich. Ich sah mir selber dabei zu, wie ich in Panik geriet, dachte gelassen "Scheiße, ich werde überleben", während ich zugleich auf dem Rücken im Wasser paddelte und monotone, vielleicht sogar ekstatische Schreie von mir gab. Aaaah. Aaaah. Aaaah. Durch die dunkle, unendliche Nacht. Nein, ich versuche nicht, zynisch zu sein, so empfindet man das. Man schließt mit dem Leben ab, und dann fühlt sich der eigene Körper veranlaßt, wie ein Besoffener herumzugröhlen. Es reicht, um vor Scham in der Erde versinken zu wollen, aber dazu muß man ja auch erst mal an Land.

Das Geschreie und Gepaddele ging also etwa eine Viertelstunde weiter, und ich sah das Ufer schon in Reichweite, die hohen schwarze Bäume der Au, als das Leben in Gestalt eines kleinen Fischerbootes noch eines draufsetzte. Ein Pärchen fischte nach Zander. Gibt es wirklich Zander in der sprichwörtlich verschmutzten Donau? Ich weiß es nicht. Ich hatte hier niemals ein Fischerboot gesehen. Wie dem auch sei, ich wurde gerettet und saß schließlich an einem Steg, zitternd, in eine Decke gewickelt, während mir ein freundlicher Mensch grauenhaft überzuckerten Kaffee in einer Thermoskanne gab und mir mitzuteilen versuchte, daß alles besser als nichts wäre, daß es im Tode gar nichts mehr gäbe. Das war es, was zu er sagen versuchte. Es war nicht leicht zu formulieren. Was er schließlich sagte, war auch nur: "Es gibt nichts." Wieder und wieder. Es gibt nichts.

Deswegen lesen Sie nun diesen Text. Mein Rad, meine Brille, meine Uhr, mein Handy liegen am Grunde der Donau, mein Walkman spielte noch ein wenig und gab dann auf. Ich lebe, weil ich nicht sterben konnte. Ich fühlte mich lebendig, als ich starb, aber ich starb eben nicht. Es gibt nichts. Mein Blut habe ich vergossen, und es sieht aus wie Scheiße (trägt die Farbe der Exkremente).

Ist das ein schlechter Witz? Nein, das ist es nicht. Das Leben ist ein schlechter Witz, aber dieser Text ist todernst. Daß vieles von dem, was darin steht, dennoch recht lachhaft aussieht, geht nicht auf mein Konto, der ich mir immer vorgestellt habe, daß an meinem Grab Leute stehen und mir nachrufen: "Warum bringt er sich denn um, wenn er so witzig schreiben kann?" Ich schreibe ja gar nicht witzig, ich verstehe mich bloß als Chronist. (Da lacht schon wieder jemand. Ich gebe ja zu, ich lache auch. Daß ich lache, beweist aber meine Narrheit zur Genüge, finden Sie nicht?)

Wie fühlt man sich eigentlich so als Toter? Lächerlich. Einfach lächerlich. Alle früheren tolpatschigen Versuche - Baldrian- statt Schlaftabletten, Pulsadern quer usw. - trugen ja meinetwegen den Keim des Mißlingens in sich, aber inzwischen nötigt sich fast der Glaube an ein Schicksal auf. Man denkt, man hätte für alles vorgesorgt, und dann sprengt schmutziges Wasser die Ketten. Darüber lohnt es sich vielleicht, nachzudenken. Ich bin aber einfach zu schwach dazu.

 

Splitter

Item. Warum das alles eigentlich so ist. Die Apokalypse liegt längst hinter uns. Die Gorgone war schon da und läßt schön grüßen; mit steinernem Gesicht warten und warten wir hoffnungsfroh, ob nicht vielleicht doch noch etwas nachkommt, ehe die Sinnesorgane komplett zu Granit werden, aber was hätten wir denn davon? Das neugeborene Kind wird inzwischen im Kreißsaal mit einem Konfettiregen empfangen und gekitzelt, damit es lacht. Lach doch. Es wird schon schön werden, wenn du etwas aus deinem Leben machst. In dieser Welt setzt die Vernunft aus und vernichtet sich selbst, sodaß jede Handlung Unsinn ist und nur noch als Symbol dienen kann: Lethargie ist Anarchie und das beste ist immer, gelähmt zu sein.

Die Verweigerung, die Regression, der Wunsch nach inerter Existenz – dieser mein Zustand des Weltumgangs ist psychotisch, krankhaft, letztlich selbstzerstörerisch: man könnte mich auf eine Couch legen und in meinem Wesen wühlen, dort liegen alle Ursachen unaufgeräumt herum. Das ist auch keine Neuigkeit, soweit kenne ich mich schon selbst und kann den Finger auf die wundgescheuerten Ursachen liegen, die man mir zum Vorwurf macht, als hätte ich, notorischer Miesmacher, sie selber erfunden, um darin, der Menschheit zum Ärgernis, zu baden, denn das tue ich ja, ich bade darin, ich bade, um mich warm zu halten, im Selbstmitleid. Ich begreife schon, daß diese oder jene ganz subjektiven und folglich relativierbaren Erlebnisse mein Wesen geprägt und zu der Erkenntnis die Welt ist nur ein qualvoller Umweg zum Tode geführt haben, aber das Begreifen und Analysieren dieser Erlebnisse und Erkenntnisse soll mein Wesen, so denkt man, aus der durch sie verursachten Verengung entlassen: ein Gedanke von unverfrorenster Gemeinheit, denn das Erlebnis wird durch seine Analyse in seiner Realität ebensowenig aufgehoben wie in die Erkenntnis in ihren Implikationen, aber dennoch wird empfohlen, so zu tun, als wäre alles in Ordnung und als könnten wir heute noch ins Potemkinsche Dorf einziehen und die Wohnwand würde gleich morgen früh geliefert. Was motiviert mich?

Ich sage das, um mit der romantischen Vorstellung aufzuräumen, ich hätte während einer akuten Krise in tragischer momentaner Sinnesverwirrung gehandelt. Nein, das Leben ist das Leid: wenn es eine Lebensregel gibt, dann diese. Aus Staub sind wir und zu Staub werden wir werden: dazwischen wird Zeit geschunden. Alles ist Lüge, das ist die Leere, die man daraus ziehen kann. "Nichts ist das Wahre, weil gar nichts wahr is." (Johann Nestroy) Die Forderung, zu leben entspricht der Forderung, die Augen zu schließen, etwas aus dem Leben zu machen, weil es von selbst ja nichts darstellt, und sich an dieser Welt zu erfreuen, weil sonst eben keine vorrätig ist: man nennt diese Kapitulation "Pragmatismus" und ist noch stolz darauf. Als gesund gilt, über den Zustand der Welt sich und die Umgebung hinwegzutäuschen, weil es das bequeme Überleben der Menschen sichert, die sich vor diesem Wissen fürchten, sie wollen sich ihm nicht stellen: wir wollen es nicht hören, sagen sie, es betäubt uns nicht und tröstet uns nicht, während es, wie sie denken, ja die einzige Aufgabe des menschlichen Geistes wäre, sich gegenseitig über das eigene Elend hinwegzutrösten, und ich sitze da und mache alles mies.

Das ist freilich eine gesellschaftliche Aufgabe von großer Bedeutung. Hält man einem Menschen ein Flugblatt "Du wirst sterben" vor die Augen, so lächelt er nämlich bloß ungläubig und sieht nach, für welches Heilmittel denn da geworben wird. Erinnert man ihn daran, daß irgend etwas nicht so ist, wie es sein sollte, so heißt es, der Sand im Weltgetriebe bewiese doch gegen den Mechanismus per se noch nichts. Aber die Welt ist halt auf Sand gebaut, aus dem man sich gefälligst die schmackhaften Körnchen herauspicken soll, alles andere ist Hybris. Und die Hybris, das sei nun wiederum zur Relativierung des vorangegangenen gesagt, ist nicht philosophisch. Ich habe es zwar zu einer Weltsicht, aber nie zu einer Philosophie gebracht, und nichts wäre mir lieber, als der Universalillusion verfallen zu können und mit den anderen Lemmingen ein tolles Gemeinschaftserlebnis zu haben (aber jetzt erfahren wir auch noch, daß Lemminge gar nicht Selbstmord begehen und der ganze Mythos bloß einer nachgestellten Szene aus einem Disney-Film entstammt) und nur einen fixen Punkt in dieser Leere zu finden, die ich bin und die die Welt ist, auch wenn man sich alle Mühe gibt, die Leere mit Speiskastl'n und irdischen Freuden zu verstellen, sodaß das Phänomen eines Nichts entsteht, an dem man dauernd anrennt. (Das mit den Speiskastl'n hab' ich von Christine Lavant.)

"Du wirst es auch noch einmal billiger geben", hat man mir vor langer Zeit gesagt, aber das Gegenteil ist eingetreten. Die Welt ist billiger geworden. "Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie?" fragt eine Figur bei Thomas Bernhard, weil es ja ganz egal ist. Was wollte ich eigentlich sagen? Ein Mann öffnete einst eine Tür, um hinauszugehen. Es gelang ihm aber nicht. Die Leute rieten: "Da kannst du ja eine Satire darauf schreiben." Ich habe also überlebt. Dieses Überleben aber war keine Antwort auf meine Frage nach Sinn.

Sinn, m. Skeptisches Fragewort: "Sinn das die besten, die was Sie ham?" Abgeleitetes Zeitwort: sinnieren, an etwas herummäkeln, nörgeln; siehe auch paradox, obwohl 's diesen Eintrag gar nicht gibt.

Sinn, den man sich selber macht, ist keiner, sondern Vorwand. Wenn es Sinn gäbe, gäb’s Viktor Frankl nicht. "Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach." (Theodor Adorno) Ich kann Briefmarken sammeln oder das Leid in der Welt lindern, um meine eigene Leere zu füllen. Selbstbetrug ist beides: den eitlen Selbstzweck zu etwas höherem zu erklären. Selbst beim Gehen sehe ich zu, ich denke zu viel und zu destruktiv, um an einen Selbstzweck zu glauben, ich sehe, wie meine Beine aus dem Rhythmus kommen, als wäre ich ein Tausendfüßler, wie sie zu schnell und zu steif gehen und gar nicht wissen, wohin überhaupt. Ja, wohin denn? Es gibt Leute, die wirklich so gehen, als ob sie einen Körper hätten, anstatt bloß in ihm zu wohnen und überall ungeöffnete Koffer. Gegen die ist Mißtrauen angebracht, sie verbergen in festem Körper etwas, er ist ihnen Versteck. Man hüte sich vor Menschen, die etwas tun und glauben, durch dieses Tun etwas zu sein. Ich bin erst ich, indem ich mich subtrahiere, indem ich von innen heraus verfaule (soviel zur Fiktion "Identitätskrise"). Das, was stinkt, ist das Ich - Strich mitten durch, auf dem man balanciert (Kugelstrich, Äquator, strichgefesselter Ball) und für das ausgestrichene Ich die Fesselung mit eigenem Gedärm: willkommen in den Eingeweiden, wir kommen hier nicht weiter. Also das Wühlen, das Auswühlen aus den Eingeweiden heraus, wohin woher wozu wodurch was fragen? Wer in sich geht, kommt nicht mehr zurück.

Nur das Schreiben war ein Fehler, wie man schon an obigem Absatz sieht. Ich habe dutzende Phasen mit hunderten Phrasen hinter mich gebracht, ich habe meiner Paranoia, meiner Angst, meinem Mißtrauen Ausdruck verliehen und in den Ritzen zwischen den Horrorszenen krakelige Idyllen zu zeichnen versucht. Die Idyllen waren immer erschreckender und irrealer als die Horrorszenen, alles war so, wie es sein sollte, aber es war eben nicht wahr und deshalb der eigentliche Schrecken. Dieser eigentliche Schrecken ist die Welt, nicht die literarische, prägbare, sondern die vorgefundene Welt, von der man mich überzeugen will, daß sie gar nicht so schlimm ist, wenn man sich’s darin nur gemütlich macht.

    

Was bisher und was vorher geschah

Da saß ich also nun eines Nachts auf einem Bootssteg, zitternd, in eine Decke gewickelt, und der männliche Teil des lebensrettenden Pärchens versuchte mich mit der wiederholt gegebenen Versicherung zu trösten, daß es nichts gäbe, nichts, während der weibliche Teil netterweise nicht die Polizei, sondern meine Mutter alarmierte, die pflichtbewußt herbeirollte und mich fragte, was sie denn jetzt tun solle. Eine gute Frage. Leider wußte ich es nicht. Vielleicht gegen einen Baum fahren, schlug ich vor, oder mich einweisen lassen? Nein, wohl doch nicht. Beides zuviel Aufwand. Oh, meine pragmatische Mutter. Also nach Hause und in die Badewanne, über die Absurdität des Lebens lachend. Billiges Gelächter. Aber in meiner Badewanne bin ich Kapitän, und außerdem ist es da schön warm: es ist erstaunlich, wie kalt die Donau im Oktober schon ist. Aber warum soll ich denn eigentlich weitererzählen? Es gibt ja gar nichts zu erzählen. Sehet, zu euch spricht der Tote. Er hat aber nichts gelernt, außer: mißtrauet dem Schicksal und sterbet zu Lebzeiten. Rot in peace. Es tut mir leid; ich weiß schon, daß das weder konstruktiv noch tiefschürfend ist. Lest Lautréamont.

Ich wollte ja eigentlich nicht mehr schreiben, schrieb ich einige Wochen vor meinem Tod. Alles Mitzuteilende und meinetwegen Erklärende steht schon da. Es bleibt nur noch, zu warten und mich – schon aus Langeweile – zu beobachten. Ich könnte also cool sein, meine Arbeit in Ruhe abschließen und Lebewohl sagen. Aber die Gelassenheit wird zur Langeweile, und meine dramatische Ader tut das übrige, mich emotional zu fordern. Ich vergeude, so fühle ich, noch immer meine Zeit. Daher diese Aufzeichnungen: sie sind, wie alles andere, Zeitvertreib. Was wird die Nachwelt davon haben? Die arme Nachwelt. "Tausende kamen zu spät zur Arbeit." Nach mir die Sintflut, natürlich: rücksichtslos, wie ich bin. Ich versage mir die naheliegende humoristische Ausmalung gewisser Szenen nach meinem Tode.

Warum, zunächst, glaubt mir die Welt nicht (denn ich hege keinen Zweifel, daß man sich über meine Tat verwundern wird, womöglich unter Hinzuziehung des Klischees "wer vom Selbstmord spricht, begeht ihn nicht", wie bellende Hunde nicht beißen, oder wenigstens erst, nachdem sie zu bellen aufgehört haben) und hat mir nie geglaubt? Weil ich mitunter, aus Selbstschutz, dem Unglauben an Hilfe, bestritten habe, mich aufhängen zu wollen, auch wenn mir ganz danach war? Hat sich ansonsten nicht alles an mir in meinen Texten und in meinem Verhalten angekündigt?

Nein, schrieb ich, vermutlich war ich zu ehrlich, war meine Ehrlichkeit zu sehr Pose, das wienerische Arrangement mit dem Weltschmerz und das Scherzen mit den pompösen Dämonen. Der Sinn des Lebens, du lieber Himmel! Ja, ich sah so aus, als hätte ich mich trotz allem in meine Rolle gefunden: ein eigener Haushalt, ein fester, nicht übler Platz im Berufsleben, Beziehungen und Abenteuer. Vielen anderen ging ’s schlechter. Warum sollte jemand, dessen äußeres Leben so gemütlich dahinging, resignieren oder gar verzweifeln?

Vesuchen wir's zu erklären. Das äußere Leben ist im Weg. Die Realität, auf die man sich geeinigt hat, behagt mir nicht. Dieses Unbehagen (diese Ängste, diese Schwäche, wie immer) aber mitzuteilen, ist schlechterdings unmöglich. Tut man es in literarischer Form, kann man damit alt, reich und unglaubwürdig werden und gilt als origineller Kauz. Wirft man Bomben, so schwebt man, in der Formulierung von G. K. Chesterton, "in der schrecklichen Gefahr, ein Pedant zu werden", und außerdem gibt’s so viele Bomben gar nicht. Und wird man wahnsinnig und hält das für einen Neubeginn, so zeigt sich, daß man – wiederum Chesterton – "alles verlieren kann, nur nicht den Verstand".

Aber - ich zitiere noch immer - , damit kein Mißverständnis entsteht: ich hänge am Leben, genauer: an den alten Lebensfragmenten. Meine sogenannte vernunftmäßige Entscheidung liegt dem Tier in mir quer. Vor zwei Wochen, als mir klar wurde, daß ich ein paar Wochen länger als geplant zu leben hätte, fuhr mir der Schreck in die Glieder: das billige Paradoxon Lebens- statt Todesangst. Und Todesangst, übrigens, hab‘ ich auch und begegne ihr mit dem oftmaligen gedanklichen Ausmalen des Procedere, wobei mir mein schwarzseherisches Talent zugute kommt. Da die von mir gewählte Methode ziemlich sicher ist, schrieb ich, bleibt nur noch, fünf Minuten körperlichen Schreckens ins Auge zu blicken, wobei die Gewißheit tröstet, daß ich diesem, die Tat vollbracht, nicht mehr entgehen kann. (Ha!)

Ich dachte früher, Angst oder Schmerz (große Worte) trügen dazu bei, daß aus mir ein Künstler (sehr großes Wort) würde, die Nutzanwendung der unfreiwilligen Identität als Außenseiter. Heute berührt mich meine Naivität peinlich: ich bin kein Künstler. Ich bin ein passabler Imitator; ich spüre Stimmungen und kann sie in den engen Grenzen, die die Krankheit meiner Wahrnehmung setzt (und damit zugleich erweitert), umsetzen. Ich kann verdauen, bearbeiten und parodieren. Genies sehen anders aus.

Übrig bleibt ein Humor, der davon lebt, daß er nicht verstanden wird - daß man nicht weiß, was ernst gemeint ist und wo der Spott herrscht. Ddie Grenze zwischen Ernst und Spott, zwischen Humor und Horror, ist meine Heimat: wo das Grauen umschlägt und der Bedrängte nur mehr irrational handeln kann. Eine Geschichte, die ich mit 17 schrieb: jemand, der von einem Ungeheuer (seinem Doppelgänger) verfolgt wird und sich schließlich in seinem Auto einsperrt, hilflos, während die Bedrohung von außen an die Scheiben klopft. Es bleibt nichts übrig, als die Scheibenwischer einzuschalten und zu lachen.

"Ich weise das wirkliche Leben ab wie eine Verdammnis, ich weise den Traum ab wie eine unfeine Befreiung. Aber ich durchlebe das Schmutzigste und Alltäglichste des wirklichen Lebens; und ich durchlebe das Eindringlichste und Beständigste des Traumes. Ich bin wie ein Sklave, der sich während der Siesta betrinkt – doppeltes Elend in einem einzigen Körper." (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe)

Es wird vielleicht auch Zeit, schrieb ich, über die Leere zu sprechen, die Leere, die nicht in meinem Kopf, aber in meiner porösen Seele herrscht. Soziale Kompromisse schwächen mich zu Tode, das Alleinsein aber ist unerträglich; die ständige Zurücknahme ist eine Selberwegnahme, die Hingabe aber ist eine Zudringlichkeit: ich stelle mich mir selbst in den Weg und muß um mich herum aus dem Weg gehen. Ich möchte wieder rein werden, die Erinnerungen und Erfahrungen, den Sud des Lebens ausschwemmen, mit dem ich jeden, der mit mir in Kontakt tritt, zu verseuchen drohe, da ich immer instinktiv das Nichts in die Herzen zu pflanzen trachte: das ist der Neid und die heimliche Freude darüber, endlich am Ende zu sein. Ich habe gezaudert und mich gefürchtet, lange und ungeduldig gewartet, bis die Berge endlich ins Unüberwindliche gewachsen sind (man muß »die Karawanken vorbeiziehen sehen«). Leute, die die Berge gar nicht kennen, wollten mich führen, aber ich will ja gar nicht geführt werden, nur von den Bergen erdrückt; denn überwände ich die Berge, dann wüchsen bloß andere nach, oder, noch schlimmer, dahinter wäre nichts. Ich will wach sterben, hoch aufgerichtet im Sessel, auch wenn die Verlockung der Betäubung ungeheuer ist, ich bin müde und feig, aber bringt mich nicht ins Bett, ich will sehen, zusehen und über mich selbst und meine Schmerzen lachen, das ist meine letzte Freude. Vor allem ist es unabdingbar, daß ich wach bleibe. Ich darf nicht einschlafen. Aber offensichtlich bin ich ja schon längst weggetreten und bekomme gar nichts mehr mit.

   

Nutzanwendung für den Leser?

Leid tragen heißt die Nutzlosigkeit des Aufwands, die Qual des Konkreten erkennen, sich dem Abstrakten aber nur bis zum Punkt der Schematisierung, des Klischees, des Spiels annähern können, der ersatzlose Verlust der Kompromißfähigkeit und des dekadenten Talents, sich selbst als Welt zu betrachten: tote Trauer über den vermeintlich ungerechtfertigt zugefügten Schmerz des Konkreten, aus der man den Irrtum ableitet, ein Recht zu haben über das eine hinaus, Opfer zu sein, und womöglich noch: das Opfersein für ein Recht zu halten. Sich der Opferrolle zu entziehen, die Verweigerung aber ist ein Zeichen des Größenwahns: man will das Wichtige haben, das es nicht gibt, also endet man, wenn man das endlich begreift, mit Unwichtigem, Unrat. Das Leid oder das Nichts, das ist die einzige Entscheidung, die man treffen kann: vor dieser Alternative schwillt das Hirn, will sich selbst als Objekt und Subjekt halten und hebt sich eben dabei auf, man will zu sich selbst finden, aber etwas anderes als das Ergebnis des Versuches der Anpassung und Einpassung existiert nicht, es gibt gar kein Selbst, auf das man zurückgreifen könnte, die Maske zerfällt und dahinter ist Luft: man hebt sich in seiner Belanglosigkeit als Spiegel auf, nur um, das Ich wegabstrahiert, ohne Halt zur Welt zu werden und eben daran, an diesem Weltsein, das ein Nichtsein ist, zu ersticken.

Man beachte, wie elegant ich mich wiederhole. Man beachte ebenfalls, wie aphoristisch und gesucht die simplen Wahrheiten doch klingen können, wenn man nur versucht, sie ernsthaft auszusprechen, und wie leicht sie als Literatur oder Geschwätz abgetan werden können. Was da läuft, ist der Countdown. Als Perspektive bleibt ein belangloser Job, Zeitvertreib, langsam verfaulend und verfettend, mit halber Kraft irgendwelchen Befriedigungen nachgehend und am Ende erst recht wieder tot. Die zu wählende Perspektive wäre dann jene, die die Aussicht verstellt. Tiefenschärfe: ein paar Tage, an denen man sich immerhin freuen kann, bloß nicht weiter sehen. Ich habe mir ein neues Handy gekauft.

Vielleicht kann man es so sagen: Selbstmord ist albern. Im Entschluß zum Selbstmord löst sich der Mensch von seinem Tier, die Dekadenz von der Natur, und nur wenn man billigerweise behaupten wollte, die Natur wäre "gut" oder die Dekadenz, will sagen, Zivilisation wäre "gut", dann könnte man mit diesem Tatbestand moralisch vielleicht etwas anfangen. Will man aber keine der beiden Anschauungen anwenden (und wie dürfte man der Welt derlei anthropomorphe Wertigkeiten aufpfropfen? der Globus als Exempel für's Kindchenschema?), so bleibt nur die Beobachtung, daß sich im Selbstmord die persönliche Tragödie selbst ein Ende macht. Was Camus, Amery und andere für den Suizid anführen, was Kirche und Gesellschaft dagegen, ist egal, weil sich der Selbstmord nicht argumentativ umkreisen läßt. "man muß sich umbringen um die hoffnung zu begraben. Es gibt keine hoffnung. jedoch ist ein lebender mensch ein hoffender." (Konrad Bayer)

Nein, der Gutteil dieses Textes ist eitler Blödsinn. (Niemand hat erwartet, daß ich keine seelischen Störungen aufweise, also warum damit exhibitionieren?) Ich lasse ihn natürlich dennoch stehen, als Versuch, einen Zustand in Worte zu fassen, obwohl die gewählte Methode irre führt: über sich zu reden und so zu tun, als spräche man von der Welt; über ein Gefühl zu reden und so zu tun, als wäre es Philosophie; die Verwechslung zwischen Werk und Autor zu fördern und bei den Paradoxa betrübt dreinzublicken. Der Selbstmörder ist, und ja, ich wiederhole mich, in der goldenen Bezeichnung der Wiener Verkehrsbetriebe für jemanden, der sich vor eine U-Bahn geworfen hat, eine "vorangegangene Verkehrsbehinderung", und das stimmt ja auch. Tausende kommen zu spät zur Arbeit und verfluchen die persönliche Tragödie, was diese in ihre Schranken verweist. Wir kommen immer wieder zurück zur Lächerlichkeit. Wir leben mit der Lächerlichkeit und sterben damit. Und weil ich noch ewig so weiter schreiben könnte, höre ich auf.